SchusterAn dieser Stelle berichte ich regelmässig, wie meine Klienten mich animieren und anregen, diese Blogbeiträge zu verfassen und meine Gedankenbruchstücke mit Impulsen zu verbinden, die ich auch im Coaching gerne weitergebe. Dabei könnte der Eindruck entstehen, dass Menschen, die Berufe wie ich ausüben, selbst „rundgecoacht“ sind, mit sich total im Reinen, über allen Themen erhaben. Schon während Sie das lesen, schmunzeln Sie vermutlich in der Ahnung, das dem eventuell doch nicht so ist.

Beim Hinausgehen sagte mir eine Klientin kürzlich, wie erleichtert sie sei, dass ich als Coach auch so meine Themen hätte. Auf ihre Nachfrage hin hatte ich von meiner Zahnarztmisere berichtet und einer daraus resultierenden regelrechten Panik vor diesen Besuchen, die ich vorher nie hatte.

Ja, so ist es! Tatsächlich habe ich zwar viele „Rezepte“, gute Theorien und nützliche Maßnahmen und sogar etliche hilfreiche Modelle für Akutsituationen und langfristige Entwicklungen parat. Meine Klienten geben mir regelmässig ein gutes Feedback, das mich sehr erfreut und auch nährt. Aber trotzdem falle ich manchmal voll hinein, in meine Ängste, in meine Verführungen, in Situationen, in denen ich deutlich merke, hier passiert etwas im Außen, das mich im Inneren trifft. Hier kommt etwas hoch, das nicht nur mit der Realität zu tun hat, sondern was in eine ganz alte Kerbe schlägt und mich etwas fühlen lässt, das ich in der Regel in diesem Moment nicht gebrauchen kann.

Austausch ist das A und O

In diesen Momenten hilft mir selbst übrigens nur eines: der Austausch mit anderen. Ich erfreue mich an einem langjährig bewährten Freundeskreis und an Menschen, mit denen ich schon einiges ausgestanden habe, denen ich vertraue und für die ich alles tun würde. Danke an Euch!

In meiner Profession ist es üblich, dass in der Vernetzung mit Kolleg.innen auch persönliche Themen professionell in kollegialer Beratung besprochen werden. Das nutze ich gerne und bin dankbar dafür, dass ich weder mit meinen beruflichen noch mit meinen privaten Themen alleine dastehe. Auch eine wunderbare Supervisorin steht an meiner Seite, die mir schon so viele gute Sätze mitgegeben hat, zuletzt den Satz „Einigen Ängsten muss man sich zuwenden, um sie abzuwenden“. Nicht immer höre ich die Sätze gerne, das gebe ich zu. Meine Erfahrung ist jedoch eineindeutig: sie helfen und führen mich weiter.

Die eigene Grenzen kennen(lernen)

Wahrscheinlich kommt es nicht von ungefähr, dass ich auf das Thema kurz vor Einstieg in eine Fastenkur komme. Verzicht ist eine interessante Erfahrung. Die eigene Grenze dabei wahrzunehmen, kann ebenso hilfreich wie schmerzhaft sein und bringt in jedem Fall Learnings. Schon die Vorbereitung auf die Fastenkur zwingt dazu, sich mit sich selbst mehr zu befassen. Was ist eigentlich los, wenn ich ganz bei mir selbst einsteige, nicht bei den anderen. Was passiert, wenn ich mich fokussiere, mich mehr beobachte, als es im täglichen Funktionieren und im Takt der Termine sonst möglich ist.

Übe ich diesen Beruf aus, um mir selbst zu helfen? Friedemann Schulz von Thun als mein beeindruckendster Lehrcoach berichtet immer wieder gerne, dass er zur Kommunikationspsychologie gekommen sei, weil er in den zwischenmenschlichen Austauschen immer wieder an seine Grenzen gekommen sei.

Vielleicht liegt auch genau darin die Faszination solcher Berufe. Zumindest beobachte ich in den letzten Jahren, bei wie vielen meiner Klienten oder auch in meinem privaten Umfeld die Idee aufkommt, genau in dieses Business einzusteigen. Parallel hat sich ein richtiger Markt von Coaching-Firmen, Apps und digitalen Helfern entwickelt, den ich selbst als sehr spannend erlebe.

Selfcare ist unabdingbar

Nein, der Schuster hat nicht deswegen die schlechtesten Schuhe, weil er mit sich selbst nachlässig oder faul ist. Er bearbeitet eben erst die Schuhe seiner Kunden, denn als passionierter Schuster liebt er den Dank der anderen, erfreut sich an den wie neu aussehenden, frisch überholten Schuhen und arbeitet erst, wenn er gar nichts zu tun hat, an den eigenen Schuhen. Denn hat er sein Handwerk gelernt und auch lieben gelernt. Er weiß, wie man Schuhe auf Vordermann bringt. Und er kennt den Wert und besonders die Wirkung von gut gepflegten Schuhen sehr genau.

Das Beispiel hinkt an einer Stelle, weil wir in meiner Profession natürlich nichts reparieren und schon gar keine Menschen. Die Parallelen sind dennoch offensichtlich: da ist die Leidenschaft, andere zum Aufblühen zu bringen. Die Qualität, in schwierigen Situationen das Handwerkszeug parat zu haben, anderen auf den jeweils individuellen (!) guten Weg zu weisen. Und da ist das Wissen um menschliche Verführungen, um Hürden und um Grenzen. Und die Freude, wenn andere wachsen und vielleicht sogar über sich hinauswachsen.

Nutzen Sie Ihre Chancen… und versäumen Sie es vor allem nicht, mit anderen in den Austausch zu gehen. Das lohnt sich einfach immer.