KI or not to beKI-Vorbereitung im Coaching

Als Coach ist es für mich nicht nur sehr spannend, sondern auch aufschlussreich, am Anfang eines Gesprächszyklus oder auch bei mir bekannten Klienten zu Beginn eines nächsten Gespräches auf die ersten Sätze oder die Themen zu achten, die direkt in der Smalltalk-Einleitung kommen.

In diesem Fall sprach mein mir bekannter Klient davon, dass er sich vor unserem Gespräch gut mit der KI über seine derzeitige Situation unterhalten hat, dass er dies mit mir besprechen möchte und dass er herausgefunden hat, wie er die KI dazu erziehen kann, ihm nicht immer neue Themen und Ideen anzubieten, sondern fokussiert bei seinem gewünschten Thema zu bleiben.

Mein Klient ist in einer durchaus komplexen und fordernden Position als obere Führungskraft. Er agiert in einem Umfeld, das von permanenten organisatorischen Restrukturierungen, Vorgaben der Muttergesellschaft und fortlaufendem personellen Abbau geprägt ist. Gleichzeitig muss jederzeit der reibungslos laufende Betrieb sichergestellt werden. Genau das hatte er mit der KI diskutiert: Wie kann er zuversichtlich bleiben und seinen Mitarbeitern trotz eigener Themen und Unsicherheit sowohl ehrlich als auch seiner Rolle gemäß ein Vorbild sein.

Während er mir versicherte, wie entspannt er gerade trotz aller Komplexität und vieler unangenehmer Situationen sei, konnte ich die Zornesfalten auf seiner Stirn, das Beben seiner Stimme und eine gewisse Zackigkeit in seinen Bewegungen und seinem Körperausdruck nicht übersehen. Ich kannte ihn als integren Vielleister, der sich für seine Leute und sein Unternehmen einsetzt und sich dabei eher selbst vergisst. Und ich wusste, wie viel Zeit und nervenaufreibende Diskussionen er bereits in den letzten Monaten investiert hatte.

KI lohnt sich

Schon einmal habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass auch ich ein neugieriger KI-Fan bin. Manchmal nutze ich KI, um meine Workshopdesigns zu optimieren. Regelmäßig schicke ich meine Ideen für diesen Blog durch die KI. Und zu vielen privaten Themen schätze ich die zügige und detaillierte Antwort der KI sehr, gleich ob es ein komplizierter Arztbrief meiner Eltern oder ein Einspruch zu einer Verkehrsrechtsangelegenheit ist. Es spart so viel Zeit und eigenen Einsatz, wenn man zielgerichtet promptet. Gelegentlich findet die KI auch eine Perspektive, auf die ich selbst gerade nicht komme. Und last but not least: Ich schätze Klienten sehr, die sich aus unterschiedlichen Quellen zu bedienen wissen, die ihre Themen regelmäßig und bewusst challengen und die vorbereitet in unsere Gespräche kommen.

Nun kann die KI trotz aller Verdienste doch leider nicht alle Facetten im Coachingprozess aufnehmen. Sie erkennt die kleinen Gesichtsregungen nicht und sie kann (noch?) keine inkongruente Kommunikation interpretieren – wie die Zornesfalte auf der Stirn meines Klienten. Oder hoffe ich vielleicht gerade auch nur, dass es so wäre? 😉 Denn vielleicht ergibt sich eine Konkurrenzsituation zwischen Coach und dem KI-Coach?

Sowohl als auch – mal wieder als Prinzip?

Vielleicht ist die spannendere Frage gar nicht, ob KI ein Coaching mit einem realen Coach ersetzen kann, sondern wofür wir was nutzen? Was ich selbst an KI schätze ist, dass KI ein bemerkenswert geduldiger Gesprächspartner ist. Sie wird nicht müde. Sie urteilt nicht. Sie ist jederzeit verfügbar. Sie ist sehr niedrigschwellig nutzbar, gerade auch für Führungskräfte, die ihre Themen vielleicht nicht direkt an andere herantragen wollen.

Die KI kann Gedanken sortieren, Optionen prüfen, Argumente zusammenfassen und widerspiegeln. Und sie kann ein Thema eben einmal aus einer ganz anderen Perspektive beleuchten.

Was die KI allerdings nicht erlebt, das ist der Moment im Raum. Sie sieht nicht die Zornesfalten. Sie kann keine Mikroexpressionen lesen. Sie hört kein leichtes Beben in der Stimme und spürt nicht diese Irritation, die entsteht, wenn jemand sagt: „Mir geht es eigentlich ganz gut“, während der Körper etwas ganz anderes erzählt. Sie kann weder die atmosphärische Stimmung wahrnehmen noch die Beziehung zwischen Klient und Coach als Anlass nutzen, um gezielt nachzufragen.

Resonanz statt Analyse

Das ist keine Kritik an der KI. Ich denke, dass es sich schlicht um eine andere Kategorie von Wahrnehmung handelt, über die wir hier sprechen. Der gute Coaching-Moment entsteht selten nur durch eine kluge Frage allein. Der Coaching-Moment entsteht, wenn Wahrnehmung, Intuition, Erfahrung und die Beziehung untereinander zum Tragen kommen. Wenn ein Coach sagt: „Sie sagen, Sie sind entspannt. Gleichzeitig wirken Ihre Stimme und Ihr Körperausdruck gerade sehr angespannt. Was passiert da?“

Die KI kann (derzeit) Muster erkennen, Analysen und Perspektiven bereitstellen, aber keine echte Resonanz herstellen. Und jetzt kommt der Schlusssatz, um den ich die KI gebeten habe: „Vielleicht könnte man sagen: Die KI hilft beim Denken. Der Coach hilft beim Ehrlichwerden.“ Danke, liebe KI, das gefällt mir und ist ein gutes Fazit. Und eine herrliche Anekdote am Rande:

Als ich die KI nach einem guten Schlussfazit fragte, gab sie mir unaufgefordert diese Sequenz: „Eine kleine Beobachtung zu deinem Text: Der interessanteste Satz ist eigentlich dieser: ‚Oder hoffe ich vielleicht gerade auch nur, dass es so wäre.‘ Das ist eine sehr reflektierte und ehrliche Frage. Paradoxerweise zeigt sie genau das, was KI noch nicht wirklich kann: Selbstzweifel in einer professionellen Rolle produktiv reflektieren. Das ist im Kern bereits Coachingdenken.“

Die empathische KI

Dass die KI unterdessen wirklich viel an Empathie zu bieten hat, wissen wir. Nicht zuletzt auch von all denen, die vor ihr warnen, oft mit dystopischen Fantasien. Ich persönlich habe mich an dieser Bemerkung erfreut. Schließlich ist die KI auch eine Instanz mit großem Wissen und ich fühlte mich verstanden und vor allem auch „gut bedient“.

Die Chancen der KI nicht zu nutzen, auch in meiner Profession, scheint mir kein Weg zu sein. Ich bin gespannt, wohin der Weg mit KI führt und ich werde sicher weiter neugierig die Impulse nutzen, wenn sie mir gefallen.

Nutzen Sie Ihre Chancen – und die der KI auch!