Vom Ego-Trip zur Ego-Balance
In meiner Praxis arbeite ich regelmäßig mit Leitungsteams, die ihr Miteinander verbessern wollen, die schneller zu guten Entscheidungen finden wollen (und müssen) oder die ein stimmigeres Bild nach außen für ihre Mitarbeiter oder Aufsichtsgremien abgeben wollen. Meist leiden nicht alle Teammitglieder gleich viel unter den Begleiterscheinungen von dysfunktionalen Teamstrukturen. Und häufig sind einzelne Teammitglieder der Meinung, dass die anderen sich ändern sollten, dass die anderen für Dysfunktionalität sorgen.
Ein Wort begegnet mir dabei immer wieder: das „Ego“. In Sätze gepackt wie: „Aber das ist jetzt nicht mein Ego, sondern das muss ich tun, das wollen meine Führungskräfte im Ressort/meine Kunden etc. so.“ oder „Das braucht er doch nur für sein Ego!“ Oder auch „Keiner von uns kann sich so einen Ego-Trip leisten. Das schadet letztlich allen.“
Wie so viele Begriffe aus der Psychologie immer mehr im Alltag und im Business verwendet und manchmal auch missbraucht werden, ist auch das „Ego“ weit verbreitet. „Ego“ als das lateinische Wort für „Ich“ meint im engeren Sinne das Selbstbild, das ich von mir habe oder das ich nach außen darstellen möchte, wenn ich mir auf die Frage „Wer bin ich?“ antworte. Wir alle übrigens neigen dazu, lieber die positiven Seiten bei uns zu sehen. Genau diese rosarote Sicht auf sich selbst kann von einem leicht geschönten Selbstbild zu einem egoistischen oder gar egozentrierten Denken und Handeln führen.
Wir kämpfen alle mit unserem Ego, egal in welchen Aufgaben oder Kontexten wir stecken. Unser Ego hat ein eigenwilliges Eigenleben und es sorgt gerne für ausgeglichene Verhältnisse. Fühlen wir uns angegriffen oder im Recht, verteidigen wir unsere Ansichten. Wiederholt sich der (so empfundene) Angriff, beharren wir darauf, im Recht zu sein – auch dann, wenn jetzt eine ganz andere Person beteiligt ist. Der andere muss doch endlich vernünftig denken, zur Einsicht gelangen, etc. Kommen wir nicht zu unserem vermeintlichen Recht, dann ist unser Ego angeknackst oder verletzt. Und das nehmen wir allzu oft zum Anlass, in die Eskalation zu gehen. Gerade ungesund große Egos fühlen sich durch Feedback oder Kritik schnell angegriffen oder unverstanden und schlagen zurück – manchmal auch unangemessen.
Für Führungskräfte ist ein ausgeprägtes Ego oft ein Aufstiegskriterium und doch zugleich bisweilen der größte Feind. Ego-Arbeit ist deshalb ein Erfolgsfaktor bei Top-Führungskräften und damit eine Chance. Sie zu vernachlässigen ist unklug und nicht förderlich für die Karriere. Im Rahmen meiner Unterstützung von Führungsteams spreche ich dieses Thema regelmäßig an. Bei jedem Karriereaufstieg, gerade je näher der Spitze, kannten ein großes Ego durchaus von Vorteil sein, denn es geht meist einher mit Durchsetzungsvermögen und Entscheidungskraft. In der Mitwirkung in einem Leitungsgremium ist es wichtig und hilfreich, diese Ressource derart zu pflegen, dass sie in Zaum gehalten wird und eigene Positionierungen immer wieder nach der vorherrschenden Motivlage überprüft werden. Brauche ich das gerade für mein Ego oder gibt es einen klügeren Weg?
Denn machtvolle Jobs mit viel Sichtbarkeit, Komplexität und Druck bergen ein immanentes Risiko, in die „Ego-Falle“ zu laufen und den persönlichen Vorteil oder die individuelle Vorliebe über alles zu stellen. Die Grenze ist spätestens dann überschritten, wenn offizielle Regeln, Recht und Gesetze oder klare Vorgaben missachtet werden. Oft ist bis dahin schon viel Porzellan zerschlagen. Leider kosten diese Entgleisungen in Unternehmen in der Regel nicht nur viel Geld, sondern bisweilen auch Arbeitsplätze und Marktanteile.
Die Politik ist dafür – und gerade auch aktuell wieder – immer ein wunderbares Lehrstück. Noch offensichtlicher scheinen die Kämpfe, die mal mehr persönlich oder mehr für die Partei ausgefochten werden. Einmal mehr kommt mir das Bild der römischen Feldherren in den Sinn, die nach einem Sieg auf ihrem Triumphzug im Kampfwagen einen Sklaven oder Priester mitfahren ließen, der ihnen nicht nur einen Lorbeerkranz über den Kopf hielt, sondern sie mit den Worten „memento mori“ (Bedenke Deine Sterblichkeit) an die Ego-Arbeit erinnerte.
In diesem Sinne: Nutzen Sie Ihre Chance und bleiben Sie in Ego-Balance!