Impostor erfordert Arbeit

Seit über 25 Jahren beschäftige ich mich im Business-Kontext intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung. Schon seit einiger Zeit beobachte ich diesen allgemeinen Trend zur Psychologisierung von Phänomenen in der Arbeitswelt: Wir neigen dazu, unsere Schwächen oder Defizite (oder die der anderen…) sehr schnell zu kategorisieren und ihnen ein Label, ein Etikett zu verpassen. Begriffe wie Perfektionismus, ADHS, toxische Rahmenbedingungen, Narzissmus oder auch das Impostor-Phänomen werden häufig bereits zu Beginn eines Coachingprozesses als Erklärung für das eigene Erleben genannt.
Grundsätzlich gefällt mir diese Entwicklung. Ich bin überzeugt, dass es uns weiterbringt, wenn psychologische Zusammenhänge bekannter werden. Social Media vermittelt inzwischen viele hilfreiche Impulse. Nützliches Wissen aus der Psychologie verbreitet sich gerade auch bei Führungskräften. Und auch KI kann ein wertvolles Werkzeug für die persönliche Entwicklung sein.
Die Angst vor der eigenen Inkompetenz
Gleichzeitig hat mich kürzlich eine Situation nachdenklich gestimmt. Eine Klientin sagte kurz vor einer anstehenden Beförderung zu mir: „Irgendwann müssen sie doch endlich merken, dass ich eigentlich gar nicht so viel kann.“ Mit ihr hatte ich bereits über längere Zeit an ihrer Rollengestaltung als Geschäftsführerin gearbeitet. Sie führt ihre Einheit wirtschaftlich erfolgreich, hat ein großes Team hervorragend aufgestellt und genießt hohe Anerkennung. Bereits im Erstgespräch hatte sie gefragt, ob sie wohl unter einem Impostor-Syndrom leide.
Ein kurzer Blick auf die Fakten: Das Impostor-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen beziehungsweise ein Selbstkonzept, es wird auch als Hochstapler-Syndrom bezeichnet. Menschen mit einem stark ausgeprägten Impostor-Muster schreiben ihre Erfolge häufig dem Zufall oder Glück zu und leben in der ständigen Sorge, irgendwann entlarvt zu werden.
Overpreparing und underachievement
Die Folgen zeigen sich im Verhalten: endlose und detaillierte Vorbereitungen, immer noch perfekter werden wollen, Arbeiten bis spät in den Abend oder am Wochenende, zunehmender innerer Druck. Lob und Anerkennung kommen kaum an, stattdessen heißt es: „Ich mache doch nur meinen Job.“ Oder der Blick klebt an den 5%, die nicht perfekt waren. Das kann für die Betroffenen richtig quälend werden. Und vor allem wird es irgendwann zum Karrierekiller und Showstopper.
Im Coaching geht es deshalb nicht darum, ein Label zu vergeben. Es geht darum, Muster sichtbar zu machen. Der erste Schritt dazu ist immer die ehrliche Selbstbeobachtung: Warum glaube ich meinem eigenen Erfolg nicht? Warum kann ich das positive Feedback anderer nicht annehmen? Wovor schützt mich eigentlich mein Perfektionismus? Was will ich damit verhindern? Wie zeigt mir mein Körper, dass ich unter Druck stehe? Welche Funktion erfüllt dieses Muster gerade für mich?
Der Blick auf die Ursachen lohnt sich ebenso. Die Prägung im Elternhaus spielt meist eine wesentliche Rolle: übermäßiges Lob ohne realistische Rückmeldung, ein unberechenbarer Wechsel zwischen Kritik und Anerkennung oder die Erfahrung, nur über Leistung und Funktionieren Liebe oder Zuwendung zu erhalten. Solche Erfahrungen können dazu beitragen, dass die eigene Leistung später nur schwer realistisch eingeordnet werden kann.
Der Blick in die Vergangenheit hilft!
Im Coaching entscheidend ist jedoch nicht nur, woher das Muster kommt, sondern wodurch es sich heute aufrechterhält. Erst wenn wir verstehen, wie ein Muster immer wieder bestätigt wird, können wir beginnen, anders damit umzugehen. Erst dann können wir anfangen, nicht mehr das alte System zu bedienen, sondern neue Erfahrungen zuzulassen.
Das bedeutet im Falle eines Impostors zum Beispiel: Andere um Hilfe bitten, den Austausch mit anderen suchen, Komplimente annehmen (vielleicht sogar sammeln) statt sie zu relativieren, positives Feedback bewusst nutzen, die eigenen Erfolge anerkennen und nicht sofort kleinreden.
Meine Klientin bemerkte sofort meinen nachdenklichen Blick und musste selbst lachen. Noch bevor ich ihr antworten konnte, sagte sie: „Interessant … gerade wollte ich diesem Gedanken wieder glauben. Und gleichzeitig merke ich, wie ich dieses Muster inzwischen schon hinter mir gelassen habe.“
Muster erkennen und dadurch Neues lernen
Genau darum geht es für mich im Coaching. Nicht nur darum, das passende Etikett für ein psychologisches Muster zu finden, sondern zu erkennen, wie es funktioniert – um dann feststellen zu können, dass das alte Muster das eigene Denken nicht mehr im Griff hat und bestimmt. Sondern dass wir abwägen und wählen können, was uns beeinflusst und wie wir uns verhalten.
Psychologische Konzepte sind hilfreich, solange sie Orientierung geben und nach vorne gerichtet sind. Sie können aber auch problematisch werden, wenn sie drohen, zur Identität zu werden und Entwicklung verhindern.
Nutzen Sie Ihre Chancen – und auch die psychologischen Phänomene!

Vor 30 (!) Jahren habe ich zum ersten Mal meine Beobachtungen im Hinblick auf Karrierewege und die Unterschiede von Männern und Frauen in einem Artikel beschrieben. Damals war ich noch Segmentleiterin in einem Wirtschaftsverlag und der Artikel beschrieb Karrierewege in der Finanzwelt. Danach war ich viele Jahre Headhunterin im Recruiting von Führungskräften und habe mir wiederum die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Karrieren angesehen – vor allem auch, wie unterschiedlich Führungskräfte auf sich selbst schauen. Heute als Coach für Führungspersönlichkeiten arbeite ich sowohl mit Männern als auch mit Frauen und spreche immer noch regelmäßig über diese Unterschiede.
In meiner Praxis treffe ich nennenswert häufig Selbstzweifel bei Führungskräften an. Auch in meinen Seminaren zu Persönlichkeitsentwicklung kommt dieses Thema immer wieder hoch. Manchmal liegen dahinter Zweifel am Unternehmen. Manchmal ist es die Frage nach der Eignung für eine Führungsrolle, oft auch temporär, wenn gerade parallel im privaten Umfeld eine zusätzliche Belastung auftritt. Und manchmal geht es um die Passform der Aufgaben.
Seit mehr als 20 Jahren befasse ich mich mit Karrieren, wie sie sich entwickeln können, wie sie gelingen, welche Faktoren es für Erfolg braucht, welche Charaktereigenschaften schwierig sind oder welches Verhalten Hinweise für Fallstricke oder zukünftigen Misserfolg gibt.
KI-Vorbereitung im Coaching
In meiner Praxis arbeite ich regelmäßig mit Führungskräften auf C-Level, sei es im Onboarding-Prozess, in Wirksamkeitsthemen oder auch in Krisensituationen. Über die Besonderheiten und meine Beobachtungen dazu an der Spitze einer Organisation habe ich immer mal wieder geschrieben. Heute geht es mir um das Thema Loyalität, ein Thema, das in meinen Gesprächen regelmäßig nach oben kommt.
Nicht nur meine Klient.innen inspirieren mich zu meinen Blogbeiträgen, sondern oft genug auch das, was ich selbst lese und als ausgesprochen hilfreich erachte. Kürzlich war dies ein Beitrag von Sebastian Witte (GEO, Oktober 2025).
An dieser Stelle berichte ich regelmässig, wie meine Klienten mich animieren und anregen, diese Blogbeiträge zu verfassen und meine Gedankenbruchstücke mit Impulsen zu verbinden, die ich auch im Coaching gerne weitergebe. Dabei könnte der Eindruck entstehen, dass Menschen, die Berufe wie ich ausüben, selbst „rundgecoacht“ sind, mit sich total im Reinen, über allen Themen erhaben. Schon während Sie das lesen, schmunzeln Sie vermutlich in der Ahnung, das dem eventuell doch nicht so ist.
