Frauen und Weiterbildung: Sprungbrett oder Selbstblockade?
Vor 30 (!) Jahren habe ich zum ersten Mal meine Beobachtungen im Hinblick auf Karrierewege und die Unterschiede von Männern und Frauen in einem Artikel beschrieben. Damals war ich noch Segmentleiterin in einem Wirtschaftsverlag und der Artikel beschrieb Karrierewege in der Finanzwelt. Danach war ich viele Jahre Headhunterin im Recruiting von Führungskräften und habe mir wiederum die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Karrieren angesehen – vor allem auch, wie unterschiedlich Führungskräfte auf sich selbst schauen. Heute als Coach für Führungspersönlichkeiten arbeite ich sowohl mit Männern als auch mit Frauen und spreche immer noch regelmäßig über diese Unterschiede.
Heißhunger auf Wissen bei Frauen versus gezieltes Netzwerken bei Männern
So auch mit Blick auf Weiterbildung: Einerseits erlebe ich viele Frauen mit einem richtigen Heißhunger auf Weiterbildung. Einige absolvieren so viele Kurse, Seminare und Qualifizierungen, dass die Vermutung nahe liegen kann, da gäbe es einen Selbstzweck. Denn es geht oft gar nicht um das Erlernen einer Technik oder einer Methode, sondern um immer mehr Wissen für den Hinterkopf, ohne es konkret anzuwenden. Ich selbst erlebe das im Coaching-Weiterbildungsmarkt, wo viele Veranstaltungen rein oder überwiegend weiblich besetzt sind.
Eine andere Beobachtung ist: Ich gebe an einer Akademie Seminare für Persönlichkeitsentwicklung für Vorstandsmitglieder, bei denen es explizit auch um Vernetzung untereinander geht. Oft ist nur eine einzelne Frau, manchmal zwei, zwischen vielen Männern angemeldet. Und oft sagt genau diese Frau das Seminar kurzfristig ab. In meinen bilateralen Coachings registriere ich bisweilen, dass Frauen Veranstaltungen, die eher dem Netzwerken dienen als dem Erwerb von Fachwissen, absagen. Dann geht das operative Geschäft vor, oder auch eine private Verpflichtung. Bei männlichen Führungskräften dagegen erlebe ich häufig, dass gerne jeder gute Anlass wahrgenommen wird, um auf Reisen zu gehen oder um in angenehmen Austausch mit anderen zu kommen. Genau auf dieses Netzwerken verzichten Frauen leider öfter.
Klischee oder Realität? Der Faktencheck…
Auf mich selbst wirkt es wie ein gern zitiertes Klischee und dennoch sind es wiederkehrende Beobachtungen und Wahrnehmungen aus meinem Umfeld. Und ist nicht in jedem Klischee auch ein Anteil Wahrheit – wie ist Ihre Beobachtung dazu?
Das hat mich veranlasst, dazu einige Fakten zusammen zu tragen. Demnach nehmen Frauen tatsächlich mittlerweile häufiger an beruflicher Weiterbildung teil als Männer. Laut WSI-Studie der Hans-Böckler-Stiftung ist die Teilnahme von Frauen an betrieblicher Weiterbildung 66% versus 59% bei Männern. Nach Motiven dafür befragt, nennen Männer überwiegend den Karriereaufstieg als Ziel, bei Frauen rangiert an erster Stelle die persönliche Weiterentwicklung.
Frauen absolvieren eher kurze Programme (nur ein paar Stunden, online etc.) und Männer mehr die mehrtägigen, längeren Weiterbildungen mit konkretem Fokus auf Karriere und Netzwerk. Besonders auffällig und bedenkenswert: Männer erhalten dabei tendenziell mehr Unterstützung von ihrem Arbeitgeber, und das sowohl finanziell als auch zeitlich. Männer geben öfter als Grund an, dass sie zur Weiterbildung vom Arbeitgeber animiert wurden als Frauen (20% zu 15%) und Frauen benennen fast doppelt so oft familiäre Verpflichtungen als Bremse (39% zu 22%). Das wiederum überrascht nicht. Familiäre Verpflichtung mag sehr persönlich klingen, hat oft aber auch die bekannten strukturellen Gründe, so dass im freiwilligen Verzicht eben oft auch systemische Barrieren erkennbar sind.
Finanzierung von Bildungsmaßnahmen
Frauen scheinen Bildungsgewinnerinnen im Sinne der Quantität zu sein, während Männer mehr auf fokussierte Schritte mit Richtung Karriere setzen. Frauen besuchen auch häufiger sogenannte Auffrischungsseminare, die leider nicht so viel bringen. Eine auffällige Tendenz kann ich aus eigener Erfahrung belegen: Frauen zahlen häufiger selbst! Sowohl in meinen offenen Seminaren als auch für Executive Coaching führe ich regelmäßig die Diskussion mit Frauen, dass der Arbeitgeber auf die Bezahlung angesprochen werden sollte, gerade weil diese Maßnahmen ganz eindeutig auf die Ausübung der derzeitigen Position einzahlen. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei: Wenn das Unternehmen die Weiterbildung zahlt, ist auch mehr Buy in, mehr Interesse dahinter. Und Frauen in Teilzeit äußern bisweilen ein schlechtes Gewissen, die wenige Zeit in Weiterbildung zu legen.
Der Weiterbildungsmarkt ist ein Zugangstool für Karriere und Entwicklung. Natürlich spricht nichts dagegen, auch Wissenserweiterung just for fun zu betreiben. Und gleichzeitig bin ich ein Verfechter von zielgerichtetem Agieren. Wenn Frauen ihren Platz in Organisationen zu Recht beanspruchen, dann ist beides, fokussierte Weiterbildungen und strategisches Netzwerken, unverzichtbar. Es gilt: Gleichheit kann nicht nur von Arbeitgeberseite frei Haus geliefert werden, sondern muss auch aktiv intendiert und eingefordert werden.
Wo entsteht Karriere?
Meine Erfahrung ist, dass der Weiterbildungsmarkt deshalb in bestimmten Teilen so weiblich besetzt ist, weil er Sicherheit, Qualität und Expertise verspricht und weil Weiterbildung für Frauen oft der Selbstermächtigung und Legitimierung dient. Für Männer liegt die Bedeutung eher und primär im Weiterkommen. Weiterbildung ist dann eben ein probates Karrieretool.
Dabei entsteht Karriere, gerade im fortgeschrittenen Stadium, oft nicht dort, wo man lernt, sondern dort, wo man wirkt, sich vernetzt, austauscht und voneinander lernt. Wissen schafft Kompetenz. Netzwerke fördern Macht. Und Macht verteilt Positionen.
Je weiter fortgeschritten im Karriereverlauf, desto offensichtlicher liegt der Schlüssel nicht im Mehrwissen, sondern im Mut, das bereits Gelernte aktiv zu nutzen und daraus konkrete Veränderungen abzuleiten. Wissen wird erst wertvoll, wenn es in Handeln mündet: in Projekten, die Spuren hinterlassen, in Entscheidungen, die bessere Prozesse schaffen, und in einer Haltung, die von Lust an der Verantwortung und der Gestaltung geprägt ist. Diese Lust an der Macht und an der eigenen machtvollen Position ist letztlich entscheidend. Nur Weiterbildung, die darauf einzahlt, wird Wirkung zeigen.
Nutzen Sie Ihre Chancen und arbeiten Sie an Ihrer Lust an der Macht!

In meiner Praxis treffe ich nennenswert häufig Selbstzweifel bei Führungskräften an. Auch in meinen Seminaren zu Persönlichkeitsentwicklung kommt dieses Thema immer wieder hoch. Manchmal liegen dahinter Zweifel am Unternehmen. Manchmal ist es die Frage nach der Eignung für eine Führungsrolle, oft auch temporär, wenn gerade parallel im privaten Umfeld eine zusätzliche Belastung auftritt. Und manchmal geht es um die Passform der Aufgaben.
Seit mehr als 20 Jahren befasse ich mich mit Karrieren, wie sie sich entwickeln können, wie sie gelingen, welche Faktoren es für Erfolg braucht, welche Charaktereigenschaften schwierig sind oder welches Verhalten Hinweise für Fallstricke oder zukünftigen Misserfolg gibt.
KI-Vorbereitung im Coaching
In meiner Praxis arbeite ich regelmäßig mit Führungskräften auf C-Level, sei es im Onboarding-Prozess, in Wirksamkeitsthemen oder auch in Krisensituationen. Über die Besonderheiten und meine Beobachtungen dazu an der Spitze einer Organisation habe ich immer mal wieder geschrieben. Heute geht es mir um das Thema Loyalität, ein Thema, das in meinen Gesprächen regelmäßig nach oben kommt.
Nicht nur meine Klient.innen inspirieren mich zu meinen Blogbeiträgen, sondern oft genug auch das, was ich selbst lese und als ausgesprochen hilfreich erachte. Kürzlich war dies ein Beitrag von Sebastian Witte (GEO, Oktober 2025).
An dieser Stelle berichte ich regelmässig, wie meine Klienten mich animieren und anregen, diese Blogbeiträge zu verfassen und meine Gedankenbruchstücke mit Impulsen zu verbinden, die ich auch im Coaching gerne weitergebe. Dabei könnte der Eindruck entstehen, dass Menschen, die Berufe wie ich ausüben, selbst „rundgecoacht“ sind, mit sich total im Reinen, über allen Themen erhaben. Schon während Sie das lesen, schmunzeln Sie vermutlich in der Ahnung, das dem eventuell doch nicht so ist.

Der Glaubenskrieg um die Business-Traditionen