Es gibt Sätze, die wir im Coaching immer wieder hören. Einer davon ist uns kürzlich wieder begegnet:

„Hätte ich die Möglichkeit, die Entscheidung nochmal zu treffen, so würde ich heute anders handeln.“

Der Führungsalltag besteht aus größeren und kleineren Entscheidungen und häufig müssen wir durchaus langfristig mit den Folgen leben. Die Umstände und Gegebenheiten, unter denen wir Entscheidungen treffen, sind häufig schwierig und zäh und die Entscheidungen selbst sind oft genug das knappe Ergebnis einer vielschichtigen Abwägung. Wenn wir dann von Zeit zu Zeit überprüfen, wie sich unsere Entscheidung ausgewirkt hat, müssen wir mitunter feststellen, dass wir uns aus der Retroperspektive heute anders entscheiden würden. Das ist nur menschlich und zeugt davon, dass wir unsere eigene Auffassung reflektieren. Im Nachhinein erscheinen die Alternativen häufig klarer und die Folgen offensichtlicher. Aber ist es hilfreich, mit bereits getroffenen Entschlüssen zu hadern?

Der oben zitierte Satz ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Die Physik hat diesem Vorgang ein Gedankenexperiment gewidmet, das auch in vielen Science-Fiction-Filmen verarbeitet wurde: Das sogenannte Großvater-Paradoxon verdeutlicht die Probleme der Kausalität zwischen getroffenen Entscheidungen und den daraus resultierenden Auswirkungen. Es besagt, dass wenn man in der Zeit zurückreist und die Existenz des eigenen Großvaters beendet, würde die eigene Existenz nicht fortbestehen können. Das will wohl keiner von uns, aber lassen Sie sich einen Moment auf diesen Gedanken ein und versuchen Sie ihn auf Ihre konkreten Taten und Handlungen zu übertragen. Denn die Quintessenz daraus ist tatsächlich sehr wertvoll und bietet einen großen Mehrwert, vor allen Dingen für Führungskräfte.

Wenn wir bereits getroffene Entscheidung wieder rückgängig machen könnten, würde dies dazu führen, dass weitere Entwicklungen nicht ihren Lauf nehmen würden. Der Lauf der Dinge würde sich für alle unsere Lebensbereiche verändern. Und vielleicht hätten wir auch gar nicht mehr die Position inne, die wir gerade innehaben. Die meisten von uns haben schon einmal eine Entscheidung getroffen, die im ersten Moment konträr zu einem vordergründigen Ziel verlief. Wie in dem paradoxen Sprichwort: Wenn du es eilig hast, dann gehe langsam. Manchmal – und durchaus im beruflichen Kontext häufig – entstehen aus solchen eigentlich „negativen Entscheidungen“ Entwicklungen, die sich langfristig gesehen als positiv erweisen.

Denn gerade für Führungskräfte ist der Erfahrungswert eine wichtige Konstante, die dabei hilft, die eigene Führungskompetenz nachhaltig zu stärken. Dementsprechend sollten wir nicht wehmütig auf die Vergangenheit zurückblicken, sondern vielmehr aus dieser brauchbare Schlüsse für uns und unser Verhalten ziehen.

Die Etablierung einer ganz persönlichen Fehlerkultur und die damit verbundene Akzeptanz von Fehlentscheidungen spielt im Führungsalltag eine große Rolle. Sie dient der individuellen Hygiene und der eigenen Resilienz und wird sich auf die Zusammenarbeit im Team übertragen. Nutzen Sie aktiv und bewusst solche gedanklichen Experimente, dann werden auch schlechte Situationen für Sie einen anderen Geschmack bekommen. Letztlich lernen wir mehr aus Fehlern denn aus Erfolgen. Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer formulierte in diesem Zusammenhang einen sehr treffenden Satz: „Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“